„Kältewelle lässt Obdachlosenunterkünfte aus allen Nähten
platzen!“ konnte man gestern der Dauerpropaganda-Bestrahlung der U-Bahn
entnehmen. Wie muss man sich das wohl vorstellen? Hat ein Herr
Kältewelle den Brief mit dem Räumungsbescheid abgeschickt und ihn dann
zusammen mit der Firma Tiefdruckgebiet durchgesetzt? Hat die Kältewelle
eine Wirtschaft eingerichtet und die Leute aufs Zurechtkommen in ihr
festgelegt, in der viele eben das – aufgrund von Leistungsdruck,
fehlenden Jobs, Armut – nicht mehr können und deswegen „Aussteiger“
werden bzw. dazu gemacht werden? Hat die Kältewelle die Leute
kaputtgemacht, ihnen die Kontos geleert, so dass sie sich nun als
Junkies und Bettler als absoluter Bodensatz einer der reichsten
Gesellschaften des Erdballs herumtreiben und reihenweise erfrieren, wenn
die kältesten Tage des Jahres kommen?
Davon, dass die bürgerliche Presse von all den realen Gründen für den
persönlichen und finanziellen Ruin der Leute, die in der Art, wie
hierzulande gewirtschaftet wird, nichts wissen will, zeugt eine selten
dämliche Überschrift, die genau am Endpunkt der Entwicklung ansetzt und
diesen als nicht zu hinterfragend natürlich darstellt. Fallende
Temperaturen kann man eben nicht kritisieren.
Der zynische Witz an der Geschichte ist übrigens, dass diejenigen, die die Konkurrenz noch nicht kaputtgemacht hat und deren Finanzen ausreichen, um nicht die nackte Lebensgefahr aufgrund von tiefen Temperaturen aufkommen zu lassen, zu Hause auch nicht unbedingt eine „warme Stube“ vorfinden. Bei steigenden Heizkosten und der daraus folgenden Ungewissheit, ob man sie bezahlen kann, tauschen viele die Jacke gegen einen dicken Pullover und dicke Socken ein, frieren also auf einem anderen Niveau weiter – obwohl die technischen Voraussetzungen in der Wohnung und den Heizwerken dies überhaupt nicht erzwingen.



